Wer das Bio-Berghotel Ifenblick im malerischen Balderschwang besucht, erwartet vielleicht klassische Alpenidylle. Die bekommt man auch – aber am Buffet wartet eine Überraschung: Ein leuchtendes pinkes Neonschild mit dem Namen der Küchenchefin verkündet, dass hier die Regeln der klassischen Gastronomie mit einer „Prise Punk“ neu interpretiert werden. Nina Meyer, Finalistin der TV-Show „The Taste“, ist Küchenchefin in vierter Generation in dem von ihrer Familie geführten Betrieb.

Obwohl Nina Meyer tief in der Tradition verwurzelt ist, wurde ihr Stil maßgeblich durch ein sehr liberales Elternhaus geprägt. Von ihrer Familie nahm sie dabei entscheidende Lektionen mit: Während sie von ihrer Mutter lernte, stets dem eigenen Herzen zu folgen, übernahm sie von ihrer Schwester den wichtigen Leitsatz, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler. Ihr Vater hingegen lehrte sie einen sehr pragmatischen Ansatz: „Alle Köche sind beschissen, die sich nicht zu helfen wissen!“.
Dass Nina Meyer keine Angst vor Experimenten hat, bewies sie kürzlich im ZEIT Magazin. Dort interpretierte sie das Werk „Sunday Night Dinner“ der Künstlerin Nicole Eisenman – ein Bild, das für sie eine Atmosphäre von „Raw. Brooklyn. Ölig.“ ausstrahlt. Das daraus entstandene Gericht aus Spaghetti mit Meatballs, Mandeln und salzigen Heidelbeeren beschreibt sie als „wild und genau richtig unvernünftig“. Für Meyer ist das kein Widerspruch zu gutem Essen, denn Disharmonie perfekt zu spielen sei eine hohe Kunst. Es gehe darum, Lebensmittel so zu arrangieren, dass sie Sinn ergeben und nicht bloß „Fasching am Gaumen“ sind. Wenn ihr „kleines, lustiges Gehirn“ einmal losläuft, entsteht die Inspiration meist sehr schnell – genau das, was sie auch im Alltag als Küchenchefin begleitet.
Im Bio-Berghotel Ifenblick setzt Nina Meyer diesen Punk in Nuancen um. Der wichtigste Grundsatz: „Ich kann ‚müssen‘ nicht“. Dieser Freiheitsgedanke überträgt sich direkt auf die Gäste. Seit 20 Jahren gibt es im Hotel keine starr angerichteten Teller, sondern „Töpfe zum Schöpfen“.
Nina Meyer erklärt dazu: „Ich freue mich, wenn Gäste mutig sind und so wie ich nicht will, dass ich was muss, so müssen unsere Gäste auch nichts“. Am Buffet mit offener Küche können die Gäste selbst entscheiden, wie mutig sie sein wollen: „Es passt alles zusammen, worauf man Lust hat und was man sich traut“.
Diesen unkonventionellen Spirit vermittelt sie auch ihrem Team vor allem durch die Pflege von Beziehungen, durch Kümmern, Ehrlichkeit und Offenheit. „Vermitteln funktioniert für mich durch Tun“, erklärt sie. Dabei setzt sie auf wahrhaftiges Da-sein: Auch wenn es im stressigen Alltag manchmal nur drei echte Minuten sind, ist sie in dieser Zeit mit Herz und Hirn voll und ganz für die eine Person oder Situation da.
Ihren Kochstil beschreibt sie als einen Mix aus Allgäuer Alm und Tokioter Izakaya. Für Meyer ist das so logisch wie Mode „Es ist wie mit Klamotten. Manche Kombinationen sind einfach phantastisch. Röcke über Hosen zum Beispiel – man hat den Komfort einer Hose und das Prinzessinnen-Feeling eines Rocks“. Am Ende des Tages fasziniert sie, dass schließlich überall mit Wasser gekocht wird und es auf der ganzen Welt Gemeinsamkeiten gibt.
Ihr „kreativer Dreiklang“, wie sie ihn selbst beschreibt, wird inspiriert durch die extravagante Mode von Carrie Bradshaw, die nostalgische Unbeschwertheit von Toast Hawaii und den traditionellen „Vibe ihrer Omas“. Ein Gericht, das diese Philosophie bestens beschreibt, ist eines ihrer persönlichen Favoriten: Kässpätzle mit Röstzwiebeln, kombiniert mit Gurken-Kimchi, Apfelmus, Salsa Macha und Endiviensalat. Es ist eine Kreation, die mutig Heimatliebe mit moderner, internationaler Raffinesse vereint.
Für sie braucht es ein gewisses Verständnis, Grundkenntnisse und ein feines Gespür, um am Ende wirklich improvisieren zu können. Vielleicht, so Meyer, braucht es auch Talent – wobei sie hier eine klare Meinung vertritt: „Talent nützt nur dann etwas, wenn man es auch wirklich nutzt.“
Auf die Frage, ob sich die Dynamik mit den Gästen oder dem Team seit ihrem Erfolg verändert hat, findet Nina Meyer eine differenzierte Antwort: „Ich glaube, mehr als mein Auftritt bei The Taste ist es meine eigene Entwicklung, die die Dynamik vielleicht verändert hat“. Ein sichtbares Zeichen dieser Verwandlung ist das Buffetkonzept, über dem seit 2023 ihr Name in pinker Neonschrift leuchtet. „Das macht was. Natürlich. Mit mir selbst und auch mit den Gästen und ich mag alles daran“, sagt sie.
Dabei ist es das Zusammenspiel verschiedener Welten, das sie antreibt. Nina Meyer braucht diese Multidimensionalität: Sie liebt es, im Hotel ihr Team zu führen, kreative Prozesse zu gestalten und ein striktes Mise en place zu halten. Doch sie braucht auch die Impulse von außerhalb. Für sie ist klar, dass beide Seiten zusammengehören, um ihre kreative Energie voll auszuschöpfen: „Ohne das eine, wäre das andere doof“.
Und wenn die Spitzenköchin privat zur Ruhe kommt? Dann darf es ganz simpel sein: Ihr absoluter Favorit ist das Salamibrot – für sie ganz persönlich ihr „Safe Space“, weil es einfach immer schmeckt.
Für die Gäste bedeutet ein Besuch bei Nina Meyer vor allem eines: Kulinarische Freiheit, serviert von einer Frau, die das Handwerk meisterhaft beherrscht und dennoch nie verlernt hat, die „Regeln“ auch mal herrlich unvernünftig zu brechen.
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